Der "Mann mit dem Bein" und der Superspiri


Heute habe ich beschlossen über den Superspiri zu schreiben, eine ganz besondere Spezies, die erst seit einiger Zeit existiert und den sogenannten Superchristen abgelöst hat. Ich durfte den Superchristen allerdings in den 90er Jahren noch in der evangelischen Kirchengemeinde meiner Familie erleben. Vermehrt konnte und vereinzelt kann man ihn immer noch in Gemeindezentren aller Konfessionen, ganz besonders auch in evangelischen und katholischen Studentengemeinden sehen und live erleben. Aber Achtung, bissig! Ausser Bissigkeit zeichnet den Super-Christen Strebertum auf allen Ebenen aus: Stets besorgt die ach so wichtigen Gemeinde Arbeitsgruppen nicht zu verpassen, ist er auch im regelmäßigen Sonntagsgottesdienst und den Abendgebeten zu finden. Als Kind ging ich ebenfalls regelmäßig mit meiner Familie in den Gottesdienst. Es gab dort einen Mann – und ganz richtig: dieser gehörte der Spezies Superchrist an– der bleibenden Eindruck in meinem kindlichen Gemüt hinterließ. Das Besondere an ihm war, dass er ein Holzbein hatte, das er galant hinter sich herzog. Dieses Holzbein wirkte irgendwie überdimensional, da mein unerbittlicher kindlicher Blick nun mal nicht weiter als bis zur Hüfte reichte. Und so wurde dieser Mann für mich und meine Schwestern zum „Mann mit dem Bein“. An Ostern trug sich dann meist folgende Szene zu: Nach dem Gottesdienst kam der „Mann mit dem Bein“ auf meine Familie zugelaufen. Nun war es an der Zeit sich die Hand zu geben. „Der Mann mit dem Bein“ sagte feierlich, ganz der Superchrist in Person: „Der Herr ist auferstanden“, woraufhin man antworten musste: „Er ist wahrhaftig auferstanden.“ (Zunächst wunderte ich mich noch, warum es gefeiert wurde, dass ein Mann aufgestanden sei. Schließlich tat ich das jeden Morgen, heute wundere ich mich nicht mehr;-))  Und nachdem der „Mann mit dem Bein“ dann den Anfang gemacht hatte, wurde dieses Ritual mit einer schon fast bewundernswerten Inbrunst unter den anderen Gemeindemitgliedern wiederholt.

Nicht zu reden von der „Frau mit dem Spreizfuß“ : Auch dieser Fuß wirkte auf unheimliche Weise überdimensional, wie er da so in sommerlicher Nacktheit in ausgelatschte Birkenstocks gequetscht wurde - dem kindlichen Gemüt sei die Betitelung zu verzeihen. Die „Frau mit dem Spreizfuß“ -  feministische Kirchenreformerin und Superchristin - stand dem „Mann mit dem Bein“ in nichts nach, und durfte auf keiner kirchlichen Kinderindoktrinierungsveranstaltung  fehlen (dennoch faszinierte mich weiterhin einfach nur dieser enorme Fuß). Was passierte wenn der „Mann mit dem Bein“ und die „Frau mit dem Spreizfuß“ aufeinandertrafen, davon will ich hier gar nicht anfangen zu schreiben, denn Superchristen scheinen in einem heimlichen Konkurrenzkampf zueinander zu stehen, der auf dem Gemeindehof ausgetragen wird, und den wahrscheinlich nur der Tod beenden kann, auch dies lernte ich im sozialen Umfeld evangelischer Christen schnell.  

Seit einiger Zeit jedoch beobachten Forscher die Entwicklung einer neue Art, die ganz im Sinne Darwins „Survival of the Fittest“ den Superchristen verdrängt: Der Superspiri. Er ist schlau, wie gesagt fit – schließlich musste er einige Verdrängungsarbeit leisten;-) - tarnt sich durch Lifestyle und ist meist dem Magerwahn verfallen. Er ersetzt die Kirche durchs Yogastudio, seine Religion ist der Veganismus und statt Abendgebet gibt es Sonnengruß um 6 Uhr morgens. „Der Herr ist aufgestanden“ – sorry, ich meine natürlich „der Herr ist auferstanden“ -  wird zu Namaste- und Om-Rufen, die Kirchenarbeitsgruppen zu Kreisen, in denen man gemeinsam Mantren brummt oder meditiert, der Kirchencafe wird zum Ayurveda Kochtreff, Sex ist nicht einfach nur geil, sondern die göttliche Vereinigung. Er schaut keine Nachrichten mehr, weil er sich vor „negativen Energien“ schützen muss, und meidet aus demselben Grund jede Menschenansammlung. Alles in allem scheint der „Superspiri“ der „Superchrist“, katapultiert ins neue Jahrtausend, zu sein. Und auch eine Unterart des „Superspiri“, der „coole Superspiri“, der sich auf der Bühne darzustellen weiss, Lululemon Yogakleidung trägt, über Engel erzählt, mit Tatoos übersäht ist und immer einen Spruch auf den Lippen hat, hat mit dem normalen „Superspiri“ gemeinsam, ein besserer, einer Elite angehöriger Mensch werden zu wollen.

Für mich ist das alles NICHT die Essenz von Spiritualität. Spiritualität ist weder den verstaubten Kirchen, noch den Yogastudios und einer Elite durchtrainierter veganer Menschen vorbehalten. Spiritualität ist ein Teil von jedem und zeigt sich darin, dass man auf sein Herz hört, nicht, dass man irgendwelche Regeln befolgt oder Moden hinterherrennt. Letztendlich ist die Liebe die Urkraft, die alles antreibt. Und weder der „Mann mit dem Bein“, noch die „Frau mit dem Spreizfuß“, noch „Superspiris“ der heutigen Zeit haben mich je so beeindruckt wie Menschen, die auf ihr Herz hören und liebevoll handeln. Zu ihnen zähle ich an erster Stelle meine Lehrerin und Mentorin Andrea Feodora Bernhardt. Sie lebt mir vor was es bedeutet liebevoll zu sein und Spiritualität bodenständig im ganz normalen Alltag mit einer guten Portion Humor zu leben, ohne daraus zwei verschiedene Geschäfte zu machen. Sex darf hier geil bleiben, Essen lecker, ein Witz bleibt ein Witz, ein Job ein Job – und überall kann man das Spirituelle finden. Genau dieser vereinigende Aspekt fehlt mir in der Kirche wie auch der modernen Spiri-Szene. Solange Spiritualität so gelebt wird wie es der Superchrist und der Superspiri  tun, werden Spirituelle weiterhin und vielleicht sogar mit gutem Recht als esoterisch und abgedreht belächelt. Natürlich beinhaltet das immer eine Menge Vorurteile, aber es ist meiner Meinung nach fast unsere Pflicht als spirituell orientierte Menschen, zu zeigen, wie wir Spiritualität und Alltag miteinander auf authentische Weise verbinden können. Ich stolpere dabei auch immer noch über den ein oder anderen Meilenstein, dennoch bin ich überzeugt, dass geistige und materielle Welt zusammengebracht werden müssen, eins genauso selbstverständlich wie das andere.